Ein Schachbuch über die Kunst des Überlebens
Im Schach gibt es kaum eine größere Befriedigung, als eine scheinbar verlorene Partie doch noch zu retten. Genau diesem faszinierenden Bereich widmet sich Karl-Otto Jung in seinem Buch „Die Festung – Wie rette ich meine Partien?“.
Das Thema ist ebenso praktisch wie anspruchsvoll: Eine Festung entsteht, wenn eine deutlich schwächere Partei trotz materieller oder positioneller Nachteile eine Stellung erreicht, die der stärkeren Seite keinen Weg zum Gewinn lässt. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass materieller Vorteil allein noch lange keinen Sieg garantiert.
Die inzwischen 3. Auflage von 2026 dokumentiert zugleich die nachhaltige Bedeutung des Themas. Das Werk entstand ursprünglich als Trainingsmaterial für Jugendliche und wurde über die Jahre erweitert und überarbeitet.
Ein klarer und sinnvoller Aufbau
Besonders positiv fällt die Gliederung des Buches auf. Der Leser wird nicht sofort mit komplizierten Endspielstellungen konfrontiert, sondern Schritt für Schritt an das Thema herangeführt.
Das Buch gliedert sich in:
- Einführung – Einfache Festungen
- Aus dem Reich der Studien
- Haltbare Festungen
- Verpasste Festungs-Gelegenheiten
- Erstürmte bzw. geknackte Festungen
- Festungen im Überblick
- Praxistest
- Lösungen
- Stellungsindex
Damit verbindet das Buch Theorie, Studienmaterial und praktische Partiebeispiele. Gerade dieser Aufbau macht das Werk nicht nur zu einem Lesebuch, sondern auch zu einem Trainingsbuch.
Die Grundidee der Festung
Jung vermittelt zunächst die grundlegenden Mechanismen einer Festung. Dabei geht es nicht nur darum, eine bekannte Remisstellung auswendig zu lernen. Der Leser soll verstehen, warum eine Festung funktioniert.
Wichtige Faktoren sind beispielsweise:
- die Bewegungsfreiheit des angreifenden Königs,
- die Stellung der verteidigenden Figuren,
- Sperrfelder,
- Zugzwang,
- Pattmotive,
- die Randstellung eines Königs,
- die Koordination der Verteidigungsfiguren.
An zahlreichen Beispielen wird deutlich, wie kleinste Veränderungen einer Stellung das Ergebnis verändern können. So zeigt das Buch unter anderem Endspiele Dame gegen Turm, Dame gegen zwei Läufer sowie Dame gegen zwei Springer. Gerae diese Beispiele machen deutlich, wie wichtig die richtige Figurenaufstellung für die Verteidigung ist. Bei zwei Läufern etwa wird eine bestimmte gemeinsame Aufstellung als besonders widerstandsfähig herausgearbeitet.
Studien und praktische Partien
Eine besondere Stärke des Buches liegt in der Verbindung von klassischen Studien und praktischen Schachpartien. Die Studien zeigen die oftmals verblüffende Schönheit von Festungsideen. Gleichzeitig vermitteln die Partiebeispiele, dass solche Motive nicht nur künstliche Studienprobleme sind, sondern tatsächlich im Turnierschach vorkommen. Besonders lehrreich sind deshalb die Stellungen, in denen eine Seite einen beträchtlichen materiellen Vorteil besitzt, diesen aber wegen einer perfekt errichteten Festung nicht verwerten kann. Das Buch macht damit eine wichtige praktische Erkenntnis deutlich:
Eine schlechte Stellung ist nicht automatisch verloren.
Gerade für Vereinsspieler ist diese Einstellung von großer Bedeutung. Wer gelernt hat, in schwierigen Stellungen nach einer Festungsmöglichkeit zu suchen, kann manche Partie retten, die er sonst bereits aufgegeben hätte.
Festungen erkennen – und Festungen zerstören
Besonders interessant ist, dass das Buch nicht ausschließlich die defensive Seite behandelt. Mit den Kapiteln „Verpasste Festungs-Gelegenheiten“ und „Erstürmte bzw. geknackte Festungen“ wird auch die Gegenfrage gestellt:
Wie erkennt man eine Festung – und wie kann man sie verhindern oder überwinden?
Das ist für die praktische Spielstärke besonders wertvoll. Der Leser lernt dadurch beide Seiten kennen:
1. Wie baue ich selbst eine Festung auf?
2. Wie erkenne ich eine gegnerische Festung?
3. Welche Schwächen muss ich beim Gegner suchen?
4. Wie kann ich seine Figuren auseinanderbringen?
5. Wann ist ein Angriff auf die Festung erfolgversprechend?
6. Wann muss ich erkennen, dass die Stellung tatsächlich remis ist?
Gerade das Motiv, die verteidigenden Figuren auseinanderzuziehen, wird in verschiedenen Beispielen eindrucksvoll demonstriert.
Die Bedeutung von Zugzwang und Patt
Ein wiederkehrendes Element des Buches ist der Zugzwang. Eine Festung lebt häufig davon, dass die verteidigende Partei ihre Stellung aufrechterhalten kann, solange sie nicht zu einer Verschlechterung gezwungen wird. Umgekehrt versucht die stärkere Partei, genau diesen Moment herbeizuführen. Ebenso wichtig sind Pattmotive. In einigen Stellungen kann eine Figur nicht geschlagen werden, weil dadurch Patt entstehen würde. Solche Feinheiten gehören zu den besonders reizvollen Momenten des Buches. Der Leser wird dadurch gezwungen, nicht nur nach Gewinnzügen zu suchen, sondern die gesamte Stellung unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Bewegungsmöglichkeiten zu betrachten.
Ein sehr praktischer Abschluss
Besonders gelungen ist der Praxistest am Ende des Buches. Nachdem der Leser zahlreiche Festungsstellungen kennengelernt hat, folgen Testaufgaben, mit denen das erworbene Wissen überprüft werden kann. Die Lösungen befinden sich anschließend ab Seite 138. Damit erhält das Buch einen echten Trainingscharakter. Der Leser kann zunächst versuchen, die Stellung selbst zu lösen und anschließend seine Entscheidung mit der angegebenen Lösung vergleichen. Das ist wesentlich nachhaltiger, als die Varianten lediglich nachzuspielen.
Für wen ist das Buch geeignet?
„Die Festung – Wie rette ich meine Partien?“ richtet sich vor allem an:
- ambitionierte Vereinsspieler,
- fortgeschrittene Jugendliche,
- Spieler, die ihre Endspieltechnik verbessern möchten,
- Trainer,
- Schachfreunde mit Interesse an Studien,
- Turnierspieler, die ihre Verteidigungsfähigkeit verbessern wollen.
Auch stärkere Spieler können von dem Buch profitieren, denn Festungsmotive gehören zu den Bereichen des Endspiels, bei denen selbst erfahrene Spieler leicht eine wichtige Möglichkeit übersehen können. Für Anfänger ist das Buch ebenfalls interessant, allerdings dürfte es sinnvoll sein, zunächst grundlegende Endspielkenntnisse zu besitzen.
Stärken des Buches
Zu den größten Stärken gehören:
1. Ein ungewöhnliches Thema
Festungen werden in vielen Schachbüchern nur am Rande behandelt. Hier stehen sie im Mittelpunkt.
2. Hoher praktischer Nutzen
Das vermittelte Wissen kann unmittelbar in eigenen Partien angewendet werden.
3. Viele unterschiedliche Beispiele
Der Leser lernt Festungen mit unterschiedlichen Figuren und in unterschiedlichen Stellungstypen kennen.
4. Verbindung von Studien und Praxis
Die Kombination sorgt sowohl für Unterhaltung als auch für lehrreichen Inhalt.
5. Trainingscharakter
Der abschließende Praxistest macht das Buch zu einem Arbeitsbuch und nicht nur zu einem Nachschlagewerk.
6. Schrittweiser Aufbau
Vom einfachen Beispiel wird zu schwierigeren und komplexeren Stellungen übergeleitet.
Fazit
Karl-Otto Jungs „Die Festung – Wie rette ich meine Partien?“ ist ein ungewöhnliches und ausgesprochen praxisorientiertes Endspielbuch. Es vermittelt nicht lediglich einzelne Remisstellungen, sondern schärft den Blick für eine bestimmte Denkweise im Schach: Auch in einer schlechten Stellung lohnt es sich, weiter nach Ressourcen zu suchen. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Buches. Der Leser lernt, dass Verteidigung nicht einfach passives Warten bedeutet. Eine erfolgreiche Festung erfordert genaue Berechnung, Figurenkoordination, Geduld und oftmals erstaunliche Kreativität. Die 3. Auflage bietet mit ihrem systematischen Aufbau, den zahlreichen Studien und praktischen Beispielen sowie dem abschließenden Praxistest eine gute Grundlage, um die eigene Verteidigungs- und Endspieltechnik zu verbessern. Wer nach der Lektüre einer schwierigen Endspielstellung nicht mehr sofort denkt „Das ist verloren“, sondern sich fragt:
«„Kann ich hier vielleicht eine Festung errichten?“»
hat bereits eine der wichtigsten Ideen dieses Buches verstanden.
Karl-Otto Jung + Armin Zimmer
Zukertort 2.0
Ein Repertoire für Weiß
EDITION JUNG Dez 2025, 280 Seiten, DIN A5, kartoniert
29,80 €
Das vorliegende Buch beinhaltet ein Repertoire für Weiß und ist in 10 Varianten eingeteilt.
In den Varianten sind meistens die Züge aufgeführt die unserer Meinung nach die besten für Weiß sind. In den Theorieteilen wird jede
einzelne Variante dargestellt und im Anschluss werden entsprechende Partien zum Thema dargeboten. Dadurch erhält man sehr schnell einen Überblick über die einzelnen Varianten. Diese Methode ist neu
und wir hoffen, dass sie bei den Leserinnen und Lesern ankommt. Es ist dadurch möglich, sich ausreichendes Praxis-wissen über die Möglichkeiten der Zukertort-Eröffnung anzueignen ohne langwierige
Varianten lernen zu müssen.
Im Abschnitt " Praktische Tipps
und Ideen" zeigen wir, wie sich das Spiel nach der Eröffnung oft entwickelt und welche typischen Stellungen in der Zukertort-Eröffnung häufig auftreten. Anhand von 13 Beispielen werden die weißen
Möglichkeiten und Ideen dargeboten.
Es folgt ein Ausflug in den Blitz- und Schnellschachbereich. Hier ist zu sehen wie nützlich Zukertort in diesem Bereich zur An-wendung kommt.
Zum Abschluss finden sich weitere interessante Ergänzungspartien.
Weitere Partien und Partiefragmente befinden sich in den Kommentaren.